13.07.2018

Lasst die Kinder spielen!

„Gesund groß werden“ - Was brauchen Kinder? - war das Thema der Fachtagung im Rahmen der Frühen Hilfen und des Kinderschutzes am 9. Mai in der Werratalkaserne der Bundeswehr in Bad Salzungen. Rund 180 Teilnehmer folgten der Einladung der Netzwerkkoordinatorin und des Jugendamtes des Landratsamtes Wartburgkreis.

Die Fachkräfte aus dem Wartburgkreis - darunter Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, Erzieher, Lehrer, Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte - folgten interessiert dem Referenten Dr. med. Eckhardt Schiffer, Facharzt für Nervenheilkunde, psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Quakenbrück zum Thema „Begegnung im Zusammenspiel. Wie Lebensfreude, Gesundheit und Lernfreude in Familie, Kindergarten und Schule gefördert werden können.“ „Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Innern, an die man sich halten kann.“ Diese Aussage von Astrid Lindgren zitierte Eckhard Schiffer und ergänzte, dass man nicht nur spielen sollte, wenn man Kind ist, sondern ein Leben lang in der Lage bleiben solle, sich dem Spiel hinzugeben. Wobei es jedoch nicht fortwährend um das Gewinnen oder den Sieg sondern um das gemeinsame Erleben gehen solle. Zudem stellte er fest, das viele Kinder sprachgestört seien, weil zu wenig mit ihnen gesprochen wird. „Wenden sie sich den Kindern zu, sprechen sie mit ihnen, von Angesicht zu Angesicht, zeigen sie Interesse, schalten sie Störfaktoren ab. Schaffen sie gute Voraussetzungen für Lernfreude und Lernfähigkeit, indem sie Kinder positiv in ihrem Tun bestärken. Greifen sie nicht gleich korrigierend ein“, appelierte Dr. med. Schiffer an das Publikum.

Am Nachmittag besuchten die teilnehmenden Fachkräfte verschiedene Fachforen, betreut von Fachleuten, u.a. von der AWO und der Interdisziplinären Frühförderstelle der Lebenshilfe Eisenach/Wartburgkreis, wo in kleineren Gruppen intensiv zum Thema diskutiert und gearbeitet wurde. Zum Abschluss der Veranstaltung referierte Markus Bach, Inhaber und Leiter vom Marte Meo Institut Herleshausen, zu dem Thema: „Beziehungen bilden – bildet Beziehungen!“

Mit Hilfe des ‚Still Face-Experimentes‘ (dt. bewegungsloses-Gesicht-Experiment) nach dem Entwicklungspsychologen Edward Tronick aus den USA machte er deutlich, dass der Mensch sein ganzes Leben lang auf Antwort seines Gegenübers angewiesen ist. Wichtig sei es daher, dass man gesehen, gehört und verstanden würde, so Bach. Damit knüpfte er an die Thematik von Dr. med. Schiffer an. Die Qualität der Beziehung sei also Grundstein für Lernerfolge, für Beratungs- und Therapieprozesse. Gute und sicherheitgebende Beziehungen und Bindungen hätten infolgedessen eine positive Wirkung auf die Gesundheit.

Erstmalig wurde in Zusammenarbeit mit den Referenten ein Büchertisch mit relevanter Literatur zu den Fachthemen angeboten. Unterstützt von der Buchhandlung Am Markt in Bad Salzungen hatten die Besucher die Möglichkeit, passend zum gerade gehörten Vortrag, ein Buch zu erwerben, was von den Fachkräften sehr gut angenommen wurde. Die Pausen wurden rege für den Austausch untereinander genutzt.

Ganz im Sinne von Jesper Juul „Betrachten Sie Ihre Familie als neues und spannendes Projekt, dessen einzelne Teilnehmer nicht von vornherein bestens qualifiziert sind“, erhielten die Tagungsgäste Einblicke in die Welt der Kleinsten und deren grundlegenden Bedürfnisse, um gesund aufzuwachsen. Am Ende stand die Erkenntnis, dass nicht die Fachkraft, sondern Mütter und Väter die besten Experten für ihre Kinder sind. „Wir sollen begleiten, beraten und helfen, wo Hilfe gefragt ist. Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Lasst die Kinder spielen!“, resümiert die neue Netzwerkkoordinatorin für Frühe Hilfen und Kinderschutz im Wartburgkreis Nadine Heß.